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Evangelisches Realgymnasium Donaustadt

Bauherr: WBV-GPA Wohnbauvereinigung für Privatangestellte gemeinnützige Ges.m.b.H. / Konsulenten: Freiraum: dnd Landschaftsplanung, Statik: Gmeiner-Haferl ZT GmbH, Kunst am Bau: Mag.art.Ingeborg Kumpfmüller / Fotos: Rupert Steiner

geladener Wettbewerb, 2 Stufen, 1.Preis

Auszeichnung: gebaut 2015

Das Evangelische Realgymnasium Donaustadt wird in der Unterstufe als Wiener Mittelschule geführt, in der Oberstufe werden mit „Kultur und Gesellschaft“, „Ökologie und Umwelt“ sowie dem „Oberstufenrealgymnasium für Pop, Jazz und Weltmusik“ Schulzweige mit Schwerpunktsetzungen angeboten. Bereits in der Wettbewerbsausschreibung war der Wunsch nach einer Schule neuen Typs unter Anwendung neuester pädagogischer Erkenntnisse formuliert, was sich im Raumprogramm unter anderem in der Ausbildung von Unterrichtsclustern manifestieren sollte.

Ziel des architektonischen Entwurfes war es, für das angestrebte „offene Lernen“ eine in vielerlei Hinsicht offene Schule zu schaffen. Offen in dem Sinn, dass kaum ein Bereich monofunktional belegt ist und für unterschiedliche Anforderungen im Schulalltag tauglich ist, offen ins Freie durch mannigfaltige Verknüpfungen mit dem Außenraum, offen zur Stadt und zur Gesellschaft durch die Möglichkeit externer Nutzungen.

Straßenseitig bildet ein weißer, winkelförmiger Hauptbaukörper eine klare städtebauliche Kante und sorgt in dem sehr heterogenen Umfeld auf einem ehemaligen Betriebsgrundstück am Beginn der Maculangasse an der Ecke zur Wagramerstraße für optische Beruhigung. Vor der verglasten Erdgeschoßzone ist als Schwellenbereich am Übergang zwischen öffentlichem Raum und dem Schulgebäude eine Piazza ausgebildet, die Raum zum Ankommen und Versammeln lässt.

Herzstück des straßenseitigen Bauteils ist die von oben belichtete, sich über alle drei Geschoße erstreckende Aula, die als variantenreich bespielbarer Raum konzipiert ist: als zentraler Treffpunkt, als Bühnen- und Zuschauerraum für Darbietungen jedweder Art oder Veranstaltungsraum für größere Feste und Veranstaltungen. Multifunktionale Möbel, die mit gepolsterten Auflagen als Sitzgelegenheiten dienen und kurzerhand zu Bühnenpodesten konfiguriert werden können, erlauben eine rasche räumliche Verwandlung. An die Aula angelagert sind die schulübergreifend genutzten Räumlichkeiten, wie der Speisesaal oder die von der Galerie zugängliche Bibliothek, diverse Sonderunterrichtsräume und Fachgebietssammlungen sowie die Verwaltung. Mittels mobiler Trennwand unter der Galerie kann die Aula vom Rest der Schule separiert werden, womit hier auch außerschulische Veranstaltungen möglich sind. Um etwa ein halbes Geschoß abgesenkt liegen in diesem Trakt auch die beiden Turnsäle – einer zur Straße hin, einer hofseitig. Für externe Nutzer sind sie über einen separaten Nachteingang zugänglich.

Vielseitig nutzbar ist auch die Bibliothek, die sich im ersten Obergeschoß zentral gelegen auf die Galerie öffnet. Vom konzentrierten individuellen Studium über Gruppenarbeiten bis hin zu Filmvorführungen sind verschiedene Arbeits- und Unterrichtsszenarien realisierbar.
Die ebenfalls von der Galerie zugänglichen Sammlungen für Bildnerische Erziehung, Musik, Biologie, Chemie, Geographie und Geschichte sind mit Arbeitsräumen, die zusätzliche Plätze für vertieftes Arbeiten bereitstellen, kombiniert.

Der vergleichsweise geräumige Arbeitsbereich des Lehrkörpers öffnet sich hofseitig auf eine mit Hochbeeten ausgestattete Gemeinschaftsterrasse im Obergeschoß, die auch den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe zur Verfügung steht und über eine Treppe mit dem Freibereich verbunden ist.

Speisesaal und Cafeteria liegen gartenseitig im Erdgeschoß und damit zentral am Übergang zu den drei Unterrichtsclustern. Diese sind an eine langestreckte Erschließungs- und Pausenfläche angedockt, an der durch die hineinragenden Hort- und Klassenräume engere und weitere Zonen entstanden sind, die mit Sitzgruppen oder Bank-Tisch-Kombinationen ausgestattet als Zonen für freies Lernen oder zur Rekreation genutzt werden können. Lufträume zwischen den Geschoßen sorgen für mannigfaltige Blickbeziehungen auch in der Vertikalen und leiten das von oben einfallende Licht in die Tiefe.

Die Unterrichtscluster sind nicht nur als organisatorische Einheiten ausgebildet, sondern auch baulich klar differenziert als Pavillons ausgebildet, die in den weitläufigen Freiraum der Schule ausgreifen. In jedem Cluster gruppieren sich die Klassenzimmer um einen Gemeinschaftsraum – im Erdgeschoß mit direkten Zugang auf eine Terrasse, die somit zur Freiluftklasse wird. Jeder Cluster hat eine eigene Garderobe und Sanitärzellen; der Oberstufe steht sogar eine Teeküche zur Verfügung. Durch diese Raumgruppen wird die große Schule übersichtlich gegliedert; jeder Pavillon funktioniert wie ein autarkes kleines Schulhaus und schafft somit einen Ort für Identifikation und Verantwortlichkeit.

Helle Räume mit einer guten Lichtführung und möglichst viel Bezug zum Außenraum mit raumhohen Verglasungen über Eck schaffen ein angenehmes Ambiente in den Klassenzimmern. Raumzuschnitte und Mobiliar der Klassen erlauben vielfältige Konstellationen für alle denkbaren Unterrichtsformen. Die dreieckigen Tische lassen sich auf vielfältige Weise gruppieren; die Zwischenwände sind beschreibbar und können zudem geöffnet werden, um Klassen für größere Projekte oder klassenübergreifende schriftliche Prüfungen zusammenzulegen. Diese räumliche Flexibilität eröffnet umfangreiche pädagogische Handlungsspielräume, der Verbund der Klassen und die intelligente Nutzbarmachung der Erschließungsflächen erhöht den verfügbaren Raum pro SchülerIn.

Für Unterricht und Freizeit vielseitig nutzbar sind auch die Freibereiche, die mit Betonmöbeln, Holzdecks mit integrierten Bäumen und Hochbeeten ausgestattet zu den weitläufigen Sportanlagen überleiten.

Durch die ganze Schule zieht sich ein auf Pastelltönen aufbauendes, zurückhaltendes Farbkonzept, das einen freundlich eleganten Hintergrund bildet und die Pavillons farblich differenziert. Ein wichtiger Bestandteil dieses harmonischen Rahmens sind die gepolsterten Sitzmöbel, die einheitlich mit perlsilbernem Kunstleder bezogen sind.

Ingeborg Kumpfmüller zeichnet für die typografische und künstlerische Gestaltung – von den Stelen auf der Piazza über das grafische Leit- und Orientierungssystem und die spielerisch-poetisch die Architektur unterstützenden Zitate und Wortspiele verantwortlich. „Omnes omnia omnino“ – Alle alles allumfassend (lehren)“ lautet der vom Philosophen, evangelischen Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius (1592–1670) stammende Leitspruch der Schule. Die Schularchitektur bietet dafür den räumlichen Rahmen.